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Historische Perspektiven einer Großregion

Der heutige Kreis Aachen wurde 1972 aus den Landkreisen Aachen und Monschau und angrenzender Gebiete gebildet. Die Kreise sind als Ergebnis der territorialen Umbrüche an der Schwelle zum 19. Jahrhundert entstanden.

Dabei ist die Region um Aachen von der industriellen und politischen „Doppelrevolution“ früher und tiefer geprägt worden als jede andere in Deutschland. Sie glich einem Flickenteppich an Herrschaftsgebieten – aus Teilen des Herzogtums Jülich, zuletzt in Personalunion mit Bayern vereinigt, Teilen der österreichischen Niederlande, den reichsunmittelbaren geistlichen Herrschaften Burtscheid und Kornelimünster und der Reichsstadt Aachen. Der Aachener Raum kam nach der Eroberung der linksrheinischen Gebiete 1794 an Frankreich. Damit wurde die Region, die auf Bistumsebene größtenteils zu Lüttich gehörte, natürlicher Teil eines kulturellen und wirtschaftlichen Großraumes. Die Anbindung an das Industrierevier von Lüttich und der durch keine Zollschranken behinderte Handel mit dem „Grand Empire“ einschließlich der südlichen Niederlande mit dem von Bonaparte zum Welthandelshafen ausgebauten Antwerpen und der Wallonie bescherte der Region Aachen Prosperität und Wohlstand.
 
 Einen tiefen historischen Einschnitt bezeichnet das Jahr 1815/16, als die Rheinlande auf dem Wiener Kongreß an Preußen fielen (kirchlich insgesamt an das Erzbistum Köln) und in einer Pufferfunktion gegen Frankreich in Stellung gebracht wurden. Die neugebildeten Kreise Aachen, Montjoie, Eupen, Malmedy, Geilenkirchen und Heinsberg an der Außengrenze der Rheinprovinz, der westlichsten Provinz Preußens und später des Deutschen Reichs, waren seitdem von ihren natürlichen Absatzmärkten abgeschnitten. Die wohlhabenden Rheinländer waren mit einer „armen Familie“ verheiratet worden. Aber das rheinische und auch Aachener Wirtschaftsbürgertum vermochte sowohl das napoleonische Zivilrecht, das auf der egalitären bürgerlichen Eigentümergesellschaft beruhte, als auch die französische Kommunalverfassung zu bewahren, die den Einfluß des Staates beschränkte. Wirtschaft und Handel als Trägerschicht des rheinischen Frühliberalismus orientierten sich an dem 1830 von Liberalen und Katholiken gegründeten Belgien, das sich die damals modernste Verfassung Europas gab.


19. Jahrhundert:

Der Aachener Raum geriet bald in den Sog der nationalen und militärischen Auseinandersetzungen Preußens mit dem Frankreich Napoleons III., das abwechselnd nach Luxemburg und Belgien zu expandieren suchte, und in die heftigen Kämpfe des preußischen Staates mit dem Kölner Erzbischof (Kölner Kirchenstreit 1837/40), dann mit dem Papsttum (Kulturkampf 1871/87). Daraus ging der Katholizismus indessen gestärkt hervor. Er wurde auch im Kreis Aachen nach der Revolution von 1848/49 politisch und publizistisch, in Vereinskultur und Sozialfürsorge einflußreich. Der Katholizismus blieb Lebensmacht, bestimmte kämpferisch-ultramontan Weltbild, Lebensformen und Mentalität der Menschen, zumal auf dem flachen Land. Die Wahlkreise Aachen-Land/Eupen und Montjoie/Schleiden/Malmedy gehörten vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis in die Bundesrepublik zu den Hochburgen von Deutscher Zentrumspartei bzw. CDU. Im ausgehenden 19. Jahrhundert erwuchs jedoch dem Zentrum in den Industrierevieren Stolberg und Eschweiler in Sozialdemokratie und mehr noch Kommunistischer Partei starke Konkurrenz. Hatte es in der Tradition der geistlichen Herrschaften des Alten Reichs, also zumindest partiell auch im Aachener Raum, gelegen, den am Wirtschaftsleben Beteiligten das Auskommen zu sichern, so setzte das zentralistisch regierte Preußen mit seinem wachsenden Finanzbedarf auf Effektivität und Wertschöpfung. Innovation und Wohlstand sind nicht zuletzt evangelischen Unternehmern zuzuschreiben, ob in Montjoie, Aachen, Burtscheid oder Stolberg.

Folge der Industrialisierung, die auf dem Kontinent mit Hilfe englischer Mechaniker von Industriepionieren in Verviers und Lüttich (William Cockerill und seine Söhne) um 1800 ihren Ausgang nahm, war das Ende der traditionsreichen Feintuchindustrie in Montjoie, die die Mechanisierung versäumt hatte, und der Eisenhütten in der Eifel. Die Zukunft gehörte der dampfmaschinengetriebenen Textilindustrie in Burtscheid, der Nadelindustrie und dem Dampfkesselbau in Aachen, der Blei- und Zinkindustrie im Stolberger Raum, den Steinkohlebergwerken im Wurm- und Inderevier samt eisenverarbeitender Industrie, die von Lütticher Industriellen (Piedboeuf in Aachen, Henri-Joseph Orban, Joseph Reuleux, Samuel Dobbs, Télémaque Michiels in Eschweiler) seit 1820 gegründet wurde – Jahrzehnte vor der Industrialisierung des Ruhrgebiets. Im späteren 19. Jahrhundert kamen Flachglas-, chemische und Seifenindustrie hinzu.

Die moderne Arbeitswelt stellte die Menschen vor schwierige Herausforderungen. Häufige soziale Unruhen waren Folge einer nahezu unbegrenzten Inanspruchnahme menschlicher Arbeitskraft, die bei den untertage Arbeitenden rasch verbraucht war. Eine der wichtigsten Voraussetzungen der Industrieansiedlung lag in der Anbindung an das moderne Verkehrsnetz. Mit List und Tatkraft konnte der Aachener Großhandelskaufmann David Hansemann 1841 die Trassenführung der „Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft“ von Köln nach Lüttich-Antwerpen mit kostspieligem Umweg über Düren-Aachen durchsetzen. Dem Technologiepotential der Region kam seit 1870 die Technische Hochschule Aachen zugute, deren Philosophische Fakultät heute in dem für alle Fächer der Lehrerausbildung verbindlichen Studienmodul „Faszination Technik“ die hier skizzierten Zusammenhänge zu vermitteln sucht.

Grenzlage und Nationalismus wirkten sich in und nach dem Ersten Weltkrieg einschneidend aus. Eupen-Malmedy und die Bahnverbindung Montjoies mit dem Reich wurden von Belgien annektiert; vorausgegangen war eine manipulierte Volksabstimmung. Der kleine Kreis Montjoie, durch die ungünstige Verkehrslage in seiner Entwicklung gehemmt und ohne Schwerindustrie, nannte sich nun zur nationalen Abgrenzung Monschau. Im Kohlerevier an der Wurm bildete sich ein Anarcho-Syndikalismus. Eine neue Dimension der Energiegewinnung eröffnete nach dem Weltkrieg für ein halbes Jahrhundert der Braunkohleabbau im Raum Eschweiler.


Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die schweren Verwüstungen in Stadt und Kreis Aachen, die Integration der Heimatvertriebenen, vor allem aus dem oberschlesischen Kohlerevier, und die Konzentrations- und Stillegungswellen in der Tuch- und Nadelindustrie zu bewältigen. Doch kam dem Kreis Aachen die Grenzlage zum Lüttich-Maastrichter Raum bei der Gründung von Europäischer Kohle- und Stahlunion bzw. Wirtschaftsgemeinschaft 1950/57 zugute. Das Wirtschaftspotential wuchs rasch über die vorhandene Arbeitskraft hinaus, so daß seit den sechziger Jahren tausende ausländischer Arbeiter mit ihren Familien, auch aus Belgien und den Niederlanden, zuzogen, als die Zechen an der Wurm bereits begannen, ihre Tore zu schließen. Das Ende des Steinkohlebergbaus kam 1992. Das Monschauer Land dagegen profitierte von dem intakten Stadtbild seiner malerisch gelegenen Kreisstadt und der Eifellandschaft beim Tourismus. Die seit 1976 verfolgte Idee der „Euregio Maas-Rhein“ wurde mit dem europäischen Binnenmarkt 1993 Realität und steht gleichsam in napoleonischer Tradition.

So wie der Aachener Natur-, Wirtschafts- und Lebensraum seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch künstliche Eingriffe verändert worden und in Wurmrevier, Raum Eschweiler-Stolberg und Eifel dreigeteilt ist, so beruht auch der heutige Kreis Aachen nicht auf historisch gewachsenen Grenzen und Strukturen. Er ist nach Verwaltungsgesichtspunkten konstruiert und auch wieder geändert worden, zuletzt bei der Kommunalreform 1972. Dies zusammen war dem Gefühl von Zusammengehörigkeit der Kreisbewohner wenig förderlich. Insofern bedeutet die „StädteRegion Aachen“, von der man sich im Jahr 2009 Synergieeffekte verspricht, eine weitere Herausforderung. Identität beziehen die Kreisbewohner aus den kleinen Einheiten von Städten und Gemeinden, die sich oft schroff voneinander abgrenzen. Sie drückt sich in vielen, auch jüngeren Geschichtsvereinen aus und in dem Bewußtsein, einer alten kulturellen Großregion anzugehören, die sich über Kreis- und nationale Grenzen erhebt.

Zur Person:
David Hansemann (1790-1864) entstammte einer Pastorenfamilie aus Finkenwerder bei Hamburg. Er kam 1810 nach Montjoie, wo er bei der Tuch- und Wollfabrik Elbers eintrat. In Aachen gründete er 1817 ein Handelsunternehmen, das er zum Versicherungs- und Kreditgeschäft ausbaute, und heiratete eine Eupenerin. Hansemann war Repräsentant des rheinischen Frühliberalismus. Er trat für eine Verfassung in Preußen ein und zählt zu den sozialpolitischen Pionieren. Er pflegte geschäftliche und politische Verbindungen nach Belgien, war Mitglied des Aachener Stadtrates, des Rheinischen Provinziallandtags und hier eigentlicher Führer der rheinischen Opposition, auch Präsident der Aachener Handelskammer. Im Revolutionsjahr 1848 wurde er als Finanzminister in die Regierung nach Berlin berufen. In Aachen mußte er manche konfessionell begründete Zurücksetzungen hinnehmen. 

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