StädteRegion Aachen. „Ich sehe, dass die Menschheit in die falsche Richtung geht! In der Wissenschaft und Technik haben wir sehr große Schritte gemacht, aber wir haben noch nicht gelernt, auf der Erde zusammenzuleben“, appelliert Henriette Kretz. Sie ist Überlebende des Ghettos von Sambor in der Ukraine und eine der letzten lebenden Zeitzeuginnen des Holocausts. Auf Einladung des Bildungsbüros der StädteRegion hat sie zuletzt acht Schulen in der StädteRegion Aachen besucht. Hier erzählt die 91-Jährige ihre Familiengeschichte und Erlebnisse aus dem zweiten Weltkrieg, um die Erinnerung an den Holocaust lebendig zu halten und zu Toleranz und Verantwortung zu ermutigen. In einer öffentlichen Veranstaltung spricht sie außerdem an der RWTH Aachen – in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung und gefördert durch die Partnerschaften für Demokratie in der StädteRegion Aachen (Bundesprogramm „Demokratie leben“). Insgesamt können so rund 1000 Menschen erreicht werden. 

Eine fast schon greifbare Stille herrscht zum Beispiel in der Aula des Inda-Gymnasiums in Aachen, als Henriette Kretz eindrücklich von ihrem Leben in immer wieder wechselnden Verstecken und von der anhaltenden Verfolgung erzählt. Sie wird 1934 als Kind einer jüdischen Familie in Polen geboren. 1939 flieht sie mit ihrer Familie nach Lemberg und Sambor. Doch sie werden vertrieben, entkommen nur knapp einer Massenerschießung und müssen dort im Ghetto leben. „Ich sterbe lieber vor Hunger, als erschossen zu werden“, beschließt sie, als sie mit acht Jahren ins Gefängnis kommt. Immer wieder gelingt es ihr und ihrer Familie, den Nationalsozialisten zu entkommen. Ihre Kindheit verbringt sie hinter Schränken, „weg vom Fenster“. Detailliert lässt sie Bilder im Kopf entstehen, wie ihre Eltern 1941 schließlich von deutschen Soldaten ermordet wurden. „Mein Vater rief mir zu ‚lauf!‘. Dann hörte ich Schüsse und meine Mutter schreien. Danach wieder Schüsse und Stille. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so einsam gefühlt, wie in diesem Moment. Ich wusste nicht, wer ein Freund und wer ein Feind ist“, schildert sie bewegt. Henriette Kretz wächst schließlich in einem Waisenhaus auf, bevor ihr Onkel Heinrich sie bei sich aufnehmen kann.

„Es macht mich stolz, dass sich unsere Generation mit geschichtlichen Themen auseinandersetzt, um heutzutage noch etwas verändern zu können“, erklärt Jara, Schülerin des Inda-Gymnasiums. Und ihre Mitschülerin Maryam ergänzt: „Solche Veranstaltungen sind wichtig, weil man Betroffenen eine Stimme gibt und sich an die Zeit erinnert, so dass es nie wieder passiert.“ „Wir freuen uns, dass wir diese Begegnungen möglich machen können. Für die Schülerinnen und Schüler ist das nochmal ein ganz anderer Zugang zu Geschichte. Sie sehen, was Krieg tatsächlich bewirken und für eine ganze Familie bedeuten kann. Das ist ein anderer Eindruck, als im Unterricht übermittelt werden kann“, erklärt Linda Jo Siemon vom Bildungsbüro der StädteRegion Aachen. Diego, Schüler am Inda-Gymnasium, sieht das genauso: „Toll, wie Frau Kretz trotz ihres hohen Alters alles noch so gut schildern kann“, sagt er. Und sein Mitschüler Lasse erklärt: „Wir sind die letzte Generation, die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen noch miterleben können, das ist sehr bewegend.“

Für Henriette Kretz steht unterdessen fest: „Die Jugend ist wunderbar und voller Ideen. Aber sie ist auch sehr leicht zu beeinflussen.“ Dementsprechend warnte sie die Schülerinnen und Schüler davor, falsche Entscheidungen bei Wahlen zu treffen. Denn auch wenn Henriette Kretz und weitere Holocaust-Überlebende nach dem Krieg ein neues Leben begonnen, eine Familie gegründet oder sich beruflich verwirklicht haben: „Die Narben bleiben“, sagt sie.

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